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Jun 01, 2021 343 Bishop Robert Barron, USA

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?HERRSCHAFT?, DIE WERTE DES WESTENS UND DAS KREUZ CHRISTI

Der popul?re Historiker Tom Holland schrieb ein au?ergew?hnliches Buch mit dem Titel Herrschaft: Die Entstehung des Westens. (Original Untertitel: Wie die christliche Revolution die Weltordnung ver?ndert hat.) Der Untertitel bringt seine Argumentation auf den Punkt. Holland zeigt sich zutiefst ungeduldig mit der s?kularen Ideologie, die in der akademischen Welt vorherrscht und die das Christentum gerne als eine entlarvte, veraltete Religion betrachtet, als ein ?berbleibsel aus einem primitiven, vorwissenschaftlichen Zeitalter, als eine Blockade f?r den moralischen und intellektuellen Fortschritt. Tats?chlich, sagt er, war und ist das Christentum die m?chtigste Gestaltkraft des westlichen Geistes, wobei sein Einfluss so allgegenw?rtig und so tief ist, dass er leicht ?bersehen wird.

Hollands sehr effektive Strategie der Herleitung ?besteht darin, das Christentum zun?chst zu entfremden, indem er brutal realistisch darstellt, was die Kreuzigung in der antiken Welt bedeutete. An einem r?mischen Kreuz hingerichtet zu werden, war so ziemlich das schlimmste Schicksal, das man sich zu jener Zeit vorstellen konnte. Allein die Tatsache, dass unser Wort ?eine Krux? (ein m?hseliges, beschwerliches Problem) vom lateinischen Wort crux f?r Kreuz stammt, erkl?rt einiges. Doch noch schlimmer als die k?rperlichen Qualen war die unsagbare Dem?tigung. Nackt ausgezogen zu werden, an zwei Holzst?cke genagelt zu werden, im Laufe von mehreren Stunden oder sogar Tagen zu sterben, w?hrend man dem Spott der Passanten ausgesetzt war, und dann, sogar nach dem Tod, seinen K?rper den V?geln des Himmels und den Tieren des Feldes zum Fra? zu ?berlassen, war die gr??tm?gliche Erniedrigung. Dass also die ersten Christen einen gekreuzigten Verbrecher als den auferstandenen Sohn Gottes verk?ndeten, h?tte nicht befremdlicher, anst??iger und bahnbrechender sein k?nnen. Es widersprach allen Vorstellungen der antiken Welt ?ber Gott, die Menschen und die richtige Gesellschaftsordnung. Wenn Gott mit einem gekreuzigten Mann identifiziert werden konnte, dann bedeutete das, dass auch die Vergessenen und Geringsten unserer Menschenfamilie liebenswert sind. Und dass die ersten J?nger Jesu diese Wahrheit nicht nur verk?ndeten, sondern konkret lebten, indem sie sich um Obdachlose, Kranke, Neugeborene und Alte k?mmerten, machte ihre Botschaft noch revolution?rer.

Obwohl Holland noch viele andere Wege aufzeigt, wie die christliche Philosophie die westliche Zivilisation beeinflusst hat, stellt er diese These vom gekreuzigten Jesus als die einflussreichste vor. Dass wir es als selbstverst?ndlich erachten, dass jedes menschliche Wesen Respekt verdient, dass alle Menschen Tr?ger gleicher Rechte und W?rde sind, dass mitf?hlende Liebe die lobenswerteste ethische Haltung ist, ist ganz einfach eine Funktion unserer christlich-kulturellen Pr?gung, ob wir es anerkennen oder nicht. Der Beweis daf?r l?sst sich finden, wenn man in die antike Zivilisation zur?ckblickt, in der keine dieser Denkweisen sich durchsetzte, und wenn man auch heute noch Gesellschaften betrachtet, die nicht vom Christentum gepr?gt sind und in denen diese Werte keineswegs als selbstverst?ndlich gelten.

Gro?teils besteht Hollands Buch aus der Analyse von Schl?sselmomenten in der westlichen Geschichte, die den Einfluss seiner These vom Kreuz sichtbar machen. Besonders hervorheben m?chte ich seine Lekt?re der Aufkl?rung, deren politische Werte ohne das Evangelium nicht denkbar sind, und der zeitgen?ssischen „Woke“-Bewegungen, die sich mit dem Leid von Opfern und Ausgegrenzten besch?ftigen, was wiederum die Frucht einer Kultur ist, in deren Zentrum seit zweitausend Jahren ein gekreuzigter und zu Unrecht verurteilter Mensch steht. Ich sch?tzte besonders seine Berichterstattung ?ber die ber?hmte Abbey Road-Aufnahme des Lieds ?All You Need is Love? von den Beatles, welches 1967 vor einem Live-Publikum gedreht wurde. Mit der Stimmung, die dieser kultige Song vermittelt, w?rde weder Kaiser Augustus noch Dschingis Khan oder Friedrich Nietzsche sympathisieren, sie passt aber perfekt mit dem Gedankengut eines heiligen Augustinus, Thomas von Aquin, Franz von Assisi und Apostel Paulus zusammen. Ob es uns gef?llt oder nicht, die christliche Revolution pr?gt massiv die Art und Weise, wie wir im Westen weiterhin die Welt sehen.

Mit diesem Teil von Hollands Argumentation – und der nimmt immerhin 90 % des Buches ein – bin ich v?llig einverstanden. Der Punkt, den er anspricht, ist nicht nur wahr, er ist von entscheidender Bedeutung heutzutage, weil das Christentum so oft niedergemacht und an den Rand gedr?ngt wird. Trotzdem hat sich f?r mich das ganze Buch am Ende aufgel?st, als der Autor zugab, dass er weder an Gott noch an die Gottheit Jesu oder seine Auferstehung glaubt. Die revolution?re Ethik, die sich aus diesem Glauben ergibt, findet er zwar spannend, aber die ?berzeugungen selbst sind seiner Meinung nach ohne Berechtigung. Dieses Herausdestillieren eines ethischen Systems aus zutiefst fragw?rdigen Dogmen ist ein vertrauter Zug unter den modernen Philosophen. Sowohl Immanuel Kant als auch Thomas Jefferson versuchten, genau das zu tun. Aber es ist ein t?richtes Unternehmen, denn es ist letztlich unm?glich, die christliche Ethik von der Metaphysik und von der Geschichte zu trennen. Wenn es keinen Gott gibt und Jesus nicht von den Toten auferstanden ist, wie um alles in der Welt kann es dann sein, dass jeder Mensch unendlichen Respekt verdient und unantastbare Rechte hat? Wenn es keinen Gott gibt und Jesus nicht von den Toten auferstanden ist, wie k?nnten wir dann nicht zu dem Schluss kommen, dass der Kaiser kraft seines schrecklichen Kreuzes gewonnen hat? Jesus mag vielleicht als ethischer Lehrer f?r den Mut seiner ?berzeugungen bewundert werden, aber wenn er starb und in seinem Grab blieb, dann herrscht Machtpolitik, und die Bejahung der W?rde jedes Menschen ist nur eine alberne Wunscherf?llung.

Es ist aufschlussreich, dass die ersten Christen, als sie das Evangelium verk?ndeten, nicht von Menschenrechten oder der W?rde aller oder von anderen solchen Abstraktionen sprachen; sie sprachen von Jesus, der durch die Kraft des Heiligen Geistes von den Toten auferstanden ist. Sie bestanden darauf, dass Er, den das Kaiserreich get?tet hatte, von Gott auferweckt worden war. Tom Holland hat v?llig Recht, dass viele der besten ethischen und politischen Instinkte des Westens in Christus wurzeln. Aber so wie Schnittblumen nur eine kurze Zeit im Wasser ?berdauern, so werden diese Ideen nicht lange Bestand haben, wenn wir sie von der verbl?ffenden Faktizit?t des Kreuzes Jesu abkoppeln.

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Bishop Robert Barron

Bishop Robert Barron Der Artikel erschien ursprünglich bei wordonfire.org. Nachdruck mit Genehmigung

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