Startseite/Begegnung/Artikel

Dez 28, 2021 235 Tara K. E. Brelinsky

Aktuell Artikel

Begegnung

Als die Liebe zu Besuch kam

Klopf, klopf. ?Wer ist da?? fragte ich.

?Ich bin es, die Liebe?, kam die Antwort.

?Komm herein! Bitte komm herein?, bat ich ernsthaft. Denn es war lange her, dass jemand mich besucht hatte, und ich war neugierig, warum jemand so Besonderes kommen w?rde.

Der T?rknauf knarrte, als er sich hin und her drehte. ?Die T?r ist abgeschlossen?, sagte die Stimme von drau?en. ?Ich werde sie sofort aufschlie?en?, antwortete ich. ?Aber ich konnte nicht. Ich bemerkte, dass der Weg zu meinem Eingang verbarrikadiert war. Mein Zimmer war sogar so vollgestopft, dass ich nicht einmal ansatzweise einen Weg zur T?rschwelle freimachen konnte. ?Bitte komm morgen wieder?, wies ich Ihn an. ?Morgen wird die T?r offen sein.? Die Liebe zog sich also zur?ck.

Und ich machte mich an die Arbeit, den Weg f?r Seine Wiederkunft freizumachen. Ich warf den offensichtlichen M?ll hinaus und stapelte die scheinbar n?tzlichen Dinge. Ich bahnte einen Schlurf, durch den ich gehen konnte, und als ich die T?r erreichte, l?ste ich die Ketten.

Bum, bum.

?Wer ist da?? fragte ich aufgeregt, als helle Sonnenstrahlen durch die Ritzen meiner T?r drangen.

?Ich bin die Liebe?, antwortete Er.

?Komm herein, tritt ein?, wies ich Ihn an, w?hrend ich den Riegel l?ste und die schwere T?r aufzog. ?Setz dich, setz dich?, bat ich und deutete auf die beiden St?hle, die nebeneinanderstanden.

Die Liebe nahm Platz und lehnte sich zur?ck.

Ich sa? eine Minute lang neben Ihm, aber dann sprang ich auf und machte mich daran, Ihn zu unterhalten.

?Schau her?, sagte ich und deutete auf die h?bschen Verzierungen an meinen W?nden. ?Sieh dir das an?, forderte ich Ihn auf, indem ich alle meine irdischen Sch?tze vor Ihm ausbreitete. Ich plapperte eine ganze Weile vor mich hin. Ich erz?hlte der Liebe alles ?ber meine Errungenschaften und meine Tr?ume. Ich enth?llte Ihm meine Pl?ne. Er sa? stundenlang in Stille da, w?hrend ich durch den Raum huschte. Ehe ich mich versah, war der Tag wie im Flug vergangen und die Liebe stand auf, um zu gehen.

?Komm doch morgen wieder?, lud ich Ihn ein. ?Morgen werde ich mehr zu bieten haben.? Die Liebe trat aus der T?r und ging die Gasse hinunter.

?Ich sollte schlafen?, dachte ich bei mir, aber ich war zu aufgeregt, um meinen Kopf auf ein Kissen zu legen. Stattdessen verausgabte ich mich beim Umdekorieren. Ich schleppte einen runden Tisch in die Mitte des Raums und stellte unsere St?hle darum herum. Ich legte ein gest?rktes, wei?es Tuch auf den Tisch und stellte eine antike Vase darauf. Dann kramte ich in den Tiefen meines Kleiderschranks und holte mein bestes Gewand hervor. Ich arbeitete die ganze Nacht hindurch, um mein Zimmer und mich vorzubereiten. Nachdem ich alle meine Geschichten, Pl?ne und Errungenschaften w?hrend des letzten Besuchs vor der Liebe preisgegeben hatte, suchte ich nach neuen Unterhaltungsm?glichkeiten. Ich fischte eine alte Schallplatte aus ihrer verstaubten H?lle und legte sie in den schon lange nicht mehr benutzten Plattenspieler. Sobald ich mit all meinen neuen Arrangements zufrieden war, konnte der Morgen nicht schnell genug kommen.

Poch, poch.

?Wer ist da?? rief ich und eilte durch den Raum, um die letzten Details zu verbessern, als der Morgen wieder anbrach.

?Ich bin die Liebe?, kam die Antwort.

?Komm herein, komm nur herein?, beharrte ich und stie? die T?r weit auf. ?Komm und setz dich an meinen Tisch.?

Die Liebe trat ein und nahm Platz.

?H?r dir das an?, gurrte ich und setzte die Nadel auf die Rillen der Schallplatte. Der Raum f?llte sich mit Ger?uschen, als sich die Platte drehte und eine neue Energie in mir aufstieg. In den n?chsten Stunden wiegte und wirbelte ich mich in meiner modischen Kleidung herum. Ich tanzte mit scheinbar endloser Begeisterung vor der Liebe. Ich sang die Passagen der Lieder, die ich kannte, und summte die Melodie, wenn sich der Text meinem Ged?chtnis entzog. Mein Herz bl?hte in meiner Rolle als Unterhalterin auf, und ich lie? meine Hemmungen fallen und hielt mich f?r eine beeindruckende Gastgeberin. Und wieder war der Tag viel zu schnell vorbei, so dass ich, als die Liebe sich zum Gehen anschickte, feststellte, dass Er keine Chance f?r sich gehabt hatte. Ich hatte zwei Tage mit meiner Stimme ausgef?llt: sprechen und singen. Und ich hatte es vers?umt, die Antwort der Liebe zu h?ren.

?Oh, bitte, komm morgen wieder?, flehte ich. ?Komm morgen und erz?hle mir alles ?ber dich: deine Freuden, deine Geschichten, deine Pl?ne. Morgen werde ich bereit sein, dir zuzuh?ren.? Schweigend verlie? die Liebe den Raum.

Tok, tok.

?Wer ist da?? fragte ich, als das warme, glei?ende Licht des Tagesanbruchs durch die Ritzen des Eingangs drang.

?Ich bin die Liebe?, kam die inzwischen vertraute Antwort in der Morgend?mmerung. ?Komm herein. Komm herein?, sagte ich, ?heute m?chte ich deine Stimme h?ren.? In Wahrheit war ich, nachdem ich mich in den vergangenen Tagen verausgabt hatte, nur zu froh, sitzen zu k?nnen und der Liebe zu erlauben, zu wirken.

Die Liebe kam herein und lehnte sich in Seinem Stuhl an meinem Tisch zur?ck, aber kein Laut kam ?ber Seine Lippen. Er blieb in beharrlichem Stillschweigen. Auch ich sa? still da, obwohl ich mich nicht ganz wohl dabei f?hlte. Mehrmals ?berlegte ich, ob ich meine letzten Kraftreserven aufbrauchen sollte, um Ihn mit neuen Tricks und Kniffen zu umgarnen. Aber dann erinnerte ich mich an mein Versprechen und wartete weiter auf Seine Stimme. Sekunden wurden zu Minuten. Minuten wurden zu Stunden. Die Uhr schien stehen geblieben zu sein oder zumindest ab und zu zu z?gern, was mich dazu veranlasste, sie oft zu ?berpr?fen. Und auf der Suche nach der Stimme der Liebe stellten sich meine Ohren auf alle m?glichen anderen Ger?usche ein: Kr?hen… Zwitschern… Ticken… Knarren… Verschieben… Atmen… Die Stille war zuweilen ohrenbet?ubend. Ersch?pft von meiner Anstrengung und eingelullt von meinem ?ngstlichen Lauschen, schlief ich auf dem Sitz neben meinem Gast ein. Dann stand die Liebe endlich auf, um zu gehen.

Nach diesem langen Tag war ich mir jedoch nicht ganz sicher, was ich von morgen erwarten sollte. Das Schweigen der Liebe hatte mein Verst?ndnis f?r die Rolle der Freundschaft durcheinander gebracht. Ich verlor das Vertrauen in meine F?higkeit, eine gute Gastgeberin zu sein. ?Vielleicht sollte Er sich eine geeignetere Gef?hrtin suchen?, ?berlegte ich in Gedanken. In meinem verzweifelten Herzen schien es einfacher, die Liebe an diesem Tag gehen zu lassen.

Anstatt Ihn zu bitten, zu mir zur?ckzukehren, sagte ich einfach ?Auf Wiedersehen.? Die Liebe ging. Ich schloss die T?r hinter Ihm.

V?llig ersch?pft kickte ich meine Schuhe unter den Tisch, lie? mein Kleid auf den Boden fallen und machte mich bettfertig. Dann kroch ich unter die Patchworkdecke auf meinem Bett und stie? einen Seufzer aus. Ich h?tte mir einige Zeit nehmen k?nnen, um all das zu entschl?sseln, was zwischen der Liebe und mir vorgefallen war, aber dazu hatte ich in diesem Moment keine Lust. Ich war m?de und niedergeschlagen. Der Schlaf winkte und ich f?gte mich bereitwillig.

Um 3:33 Uhr r?hrte sich ein leises Ger?usch auf der anderen Seite meiner verriegelten T?r. Obwohl es kaum mehr als ein Fl?stern war, rief es mich aus den Tiefen meines Schlummers. Mit weit aufgerissenen Augen lag ich eine Minute lang wie gel?hmt da, w?hrend mein Verstand versuchte, aufzuwachen, um sich einen Reim auf die Stunde und die Umst?nde zu machen.

?Wer ist da?? rief ich, die Antwort halb f?rchtend.

?Ich bin die Liebe?, war die Antwort.

?Liebe?? fragte ich. Denn obwohl die Liebe der einzige Gast war, der mich besucht hatte, war ich von Seiner Ankunft zu so sp?ter Stunde ?berrascht. ?Ich bin nicht bereit, dich jetzt zu empfangen?, sagte ich. ?Komm morgen wieder, wenn ich Zeit habe, deinen Besuch zu planen.?

Die Liebe sprach kein weiteres Wort, sondern blieb stehen und wartete.

Eine halbe Minute lang blieb ich unter der Patchworkdecke liegen und wankte zwischen Ersch?pfung und Neugierde. Letztere gewann den Kampf, und so erhob ich mich aus dem Bett und tastete in der Dunkelheit, bis ich den Riegel erreichte. Als ich dort stand, hielt ich in der Dunkelheit inne. Denn mir wurde klar, dass der Eintritt der Liebe dieses Mal anders sein w?rde. Ich konnte nicht verstehen, woher ich das wusste, aber es war mir klar, dass ich nie mehr dieselbe sein w?rde, wenn ich die Liebe zu ihren eigenen Bedingungen einlud. Also holte ich tief Luft, l?ste die Ketten und zog die T?r mit gro?er Sorgfalt auf.

Die Liebe trat ein.

Als Sein Fu? die Schwelle ?berschritt, wurde mein Zimmer in sanftes Licht getaucht, obwohl Er keine Laterne trug. Das Licht enth?llte selbst die entlegensten Winkel meines Zimmers und lie? nichts ungesehen. Besch?mt begann ich, mich f?r mein ungepflegtes ?u?eres und mein unordentliches Zimmer zu entschuldigen, aber Er legte mir z?rtlich den Arm um die Schulter und befreite mich von meinen ?ngsten. Dann f?hrte er mich schweigend zu meinem Stuhl und ich setzte mich. Die Liebe machte keine Anstalten zu sprechen, doch Seine Worte erf?llten meine Ohren und belehrten meinen Verstand. Anders als am Vortag befreite mich die ?u?ere Stille nun von allen Ablenkungen und erlaubte mir, ganz in Seiner Gegenwart zu ruhen. Losgel?st von meinen Pl?nen und meiner Kontrolle entdeckte ich die Sicherheit und Gelassenheit, der Liebe gegen?ber verwundbar zu sein. Er machte mir nichts vor und akzeptierte auch keine Vort?uschung. Die Liebe h?llte mich einfach in Seine Umarmung ein, und alles, was vorher war, fiel weg.

Die H?nde der Liebe schienen leer zu sein, als Er eintrat, aber aus unsichtbaren Quellen brachte Er Brot und Wein auf den Tisch. Er segnete sie und sagte: ?Nimm und iss.?

Da ich es nicht gewohnt war, zu solch sp?ter Stunde zu essen, f?hlte ich mich auf seltsame Weise zu dem Mahl hingezogen. Tief in meinem Inneren versp?rte ich einen Hunger wie nie zuvor. Dieses Verlangen drang tief in mich ein. Also a? ich und trank ich. Das s??e Brot und der samtige Wein stillten den Hunger und hinterlie?en doch einen neuen Durst in mir, einen Durst, den kein irdisches Mittel stillen konnte.

Ich wollte nie wieder, dass die Liebe von mir weicht, und so beschloss ich, meine T?r offen zu halten und den Weg frei zu machen.

Wie Salomo flehte ich: ?Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz.?

Die Liebe l?chelte, denn Er hatte es bereits getan.

Teilen:

Tara K. E. Brelinsky

Tara K. E. Brelinsky ist freiberufliche Autorin und Rednerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren 8 Kindern in North Carolina. Du kannst mehr von ihr auf blessingsinbrelinskyville.com lesen oder ihren Podcast The Homeschool Educator anhören.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Neueste Artikel

This site is registered on wpml.org as a development site.